III. Kapitel: Die Natur des Menschen

 

Nachdem wir uns im letzten Kapitel mit dem "Wie" und "Wozu" der Erschaffung des Menschen beschäftigt haben, wollen wir nun nach der "Natur" des Menschen fragen. Welchen Bauplan legte Gott der Erschaffung des Menschen zugrunde?

 

ILLUSTRATION:

Wir können unser Vorgehen mit dem eines Architekten vergleichen. Zunächst haben wir über die Gesamtansicht, die groben Umrisse des Baues nachgedacht. Natürlich kam die Zweckbestimmung des Baues zur Sprache (handelt es sich um eine Brücke, ein Wohnhaus oder ein Schwimmbad?). Doch nun werden die detaillierteren Pläne studiert. Was für eine Hausart soll entstehen (Reihenhaus, Einfamilienhaus, Hochhaus oder Chalet)? Und vor allem: Welche Baustoffe finden Verwendung (Stein, Beton, Stahl, Holz)?

Im Schöpfungsbericht wird uns gesagt, daß Gott den Menschen "zu seinem Bilde schuf, zum Bilde Gottes schuf er ihn" (1.Mose 1,27). Der Mensch sollte kein "Phantasieprodukt" werden, sondern er hatte ein Vorbild: Gott selbst.

1.Mose 1,26 "Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, ..."

Was dies für den Menschen bedeutet, wollen wir im 1. Abschnitt dieses Kapitels betrachten.

Im 2. und 3. Abschnitt werden wir die "Bestandteile", die "Bausteine" des Menschen genauer untersuchen.

Wie wir gesehen haben, schuf Gott den Menschen aus Erde vom Acker und Odem aus Seinem Munde. Gemäß den zwei Welten, in denen der Mensch zu leben hat, besitzt er nun eine materielle und eine immaterielle Natur. Diese Verbindung von Erde und Geist machte den Menschen zu einer lebendigen Seele - oder wir können auch sagen: zu einer Persönlichkeit.

Das Zusammentreffen von Erde und Geist ließ den Menschen zu einer lebendigen Seele werden. Die Seele ist die Verbindung von Geist und Leib - der Vermittler zwischen beiden. Der Mensch ist ein Individuum, d.h. etwas Unteilbares. Man kann ihn nicht "zerlegen", aufteilen in Geist, Seele und Leib. Die Trennung von Geist und Leib des Menschen bedeutet Tod.

Mensch und Tier unterscheiden sich von dem Rest der Schöpfung durch das "Leben". Jedoch stehen Mensch und Tier nicht auf einer Stufe. Die Bibel lehrt nirgends die Unsterblichkeit der "Tierseele". Zwar werden Tiere in der hebräischen Sprache - wie der Mensch - mit dem Wort für"Seelen" bezeichnet (1.Mose 2,19b; vgl 1.Mose 2,7); aber es handelt sich beim Tier lediglich um beseelte Materie ohne Geist. Dieser Geist (und damit auch die Andersartigkeit der Seele) ist es, was den Menschen vom Tier unterscheidet. Nicht dem Grade nach, wie uns die Evolutionstheorie klarmachen möchte, sondern dem Wesen nach unterscheiden sich Mensch und Tier! Das Tier hat sogar ein anderes Fleisch (1.Kor 15,39).

Mensch und Engel unterscheiden sich darin, daß Engel Geister ohne Leib sind. Sie sind ohne Geschlecht und können auch nicht sterben. Nach Ps 8,5-9 ist der Mensch zunächst niedriger als die Engel. Aber als "Kind Gottes" - und damit teilhaftig der göttlichen Natur (2.Petr 1,4) - wird der wiedergeborene Mensch einst die Engel richten (1.Kor 6,3).

 

1. Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen

Mit Erich Sauer ("Vom Adel des Menschen" S.165) unterscheiden wir zwischen zwei Arten der Gottesebenbildlichkeit: eine anerschaffene und eine zielmäßige. Wir könnten auch sagen: Anlage und Bestimmung. In den folgenden Versen ist von der geistigen und geistlichen Veranlagung die Rede. Diese erscheint vor allem im alttestamentlichen Schöpfungsbericht und den Versen, die darauf Bezug nehmen.

1.Mose 5,1 "Dies ist das Buch von Adams Geschlecht. Als Gott den Menschen schuf, machte er ihn nach dem Bilde Gottes"
1.Mose 9,6 "Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll auch durch Menschen vergossen werden; denn Gott hat den Menschen zu seinem Bilde gemacht."
1.Kor 11,7 "Der Mann aber soll das Haupt nicht bedecken, denn er ist Gottes Bild und Abglanz; die Frau aber ist des Mannes Abglanz."
Jak 3,9 "Mit ihr loben wir den Herrn und Vater, und mit ihr fluchen wir den Menschen, die nach dem Bilde Gottes gemacht sind."

Im Neuen Testament geht es mehr um das Bild Gottes als die Verwirklichung der menschlichen Bestimmung.

Röm 8,29 "Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, daß sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern."
1.Kor 15,49 "Und wie wir getragen haben das Bild des irdischen, so werden wir auch tragen das Bild des himmlischen."
2.Kor 3,18 "Nun schauen wir alle mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wie in einem Spiegel, und wir werden verklärt in sein Bild von einer Herrlichkeit zur andern von dem Herrn, der der Geist ist."
Eph 4,24 "Und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit."
Kol 3,10 "und den neuen angezogen, der erneuert wird zur Erkenntnis nach dem Ebenbild dessen, der ihn geschaffen hat."

In unserem Heiligungsleben geht es also darum, daß wir "gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes". Von Ihm heißt es:

Kol 1,15 "Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung."
Hebr 1,3 "Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens und trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort und hat vollbracht die Reinigung von allen Sünden und hat sich gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe"

 

a) Wesen

Was beinhaltet die Gottesebenbildlichkeit, in der der Mensch erschaffen wurde? Wir fragen nach der Bedeutung, nach dem Wesen der veranlagungsgemäßen Gottesebenbildlichkeit.

 

(1) Persönlichkeit

Das Ebenbild Gottes, das der Mensch trägt, bezieht sich auf die Persönlichkeit des Menschen. Um 1.Mose 1,26 "... ein Bild, das uns gleich sei ..." besser verstehen zu können, studieren wir die vorhergegangen Verse 1-25:

Die einfachste Definition für "Persönlichkeit" ist die Fähigkeit zu

Denken - Fühlen - Wollen

Gott ist eine Persönlichkeit, denn Er kann denken, fühlen und wollen (siehe auch Theologie-Notizen: Das Wesen Gottes). "Ein Bild, das uns gleich sei", bedeutet also, daß Gott den Menschen als Persönlichkeit schuf.

Adam wurde mit der Fähigkeit geschaffen, zu denken und diese Gedanken in Worten auszudrücken:

1.Mose 2,19-20 "Und Gott der Herr machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle die Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu dem Menschen, daß er sähe, wie er sie nennte; denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen. Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen; aber für den Menschen ward keine Gehilfin gefunden, die um ihn wäre."

Adam wurde mit der Fähigkeit geschaffen zu lieben - er fühlte.

1.Mose 2,18 "Und Gott der Herr sprach: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei."
1.Mose 2,24 "Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen, und sie werden sein ein Fleisch."

Adam wurde mit der Fähigkeit geschaffen zu wollen - und seinen Willen durch die Tat auszudrücken. Durch Wahl gab er seinem Willen Ausdruck.

1.Mose 3,6b "Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er aß."

Gott ist eine Persönlichkeit. Er schuf den Menschen nach Seinem Bilde als Persönlichkeit.

 

(2) Gewissen

Das Ebenbild Gottes, in dem der Mensch geschaffen ist, zeigt sich auch in seinem Gewissen - in seinem moralischen Bewußtsein.

Im AT finden wir das Wort "Gewissen" nicht. Gottes Gesetz im AT ist absolut und detailliert. Der Mensch brauchte keine Gewissensentscheidungen zu treffen. Gehorsam war notwendig. Vielleicht wurden darum Funktionen des Gewissens dem Herzen oder den "Nieren" als dem Inneren des Menschen zugeschrieben.

1.Sam 24,6 "Aber danach schlug ihm sein Herz, daß er den Zipfel vom Rock Sauls abgeschnitten hatte,"
Ps 26,2 "Prüfe mich, Herr, und erprobe mich, erforsche meine Nieren und mein Herz."
Jer 20,12 "Und nun, Herr Zebaoth, der du die Gerechten prüfst, Nieren und Herz durchschaust: Laß mich deine Vergeltung an ihnen sehen; denn ich habe dir meine Sache befohlen."

Beachten wir:

1.Joh 3,19-20 "Daran erkennen wir, daß wir aus der Wahrheit sind, und können unser Herz vor ihm damit zum Schweigen bringen, daß wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz und erkennt alle Dinge."

Manchmal werden diese alttestamentlichen Begriffe anders übersetzt: so steht in Hiob 27,6 "Gewissen" für Herz und in Spr 23,16 "Seele" für Niere.

Im NT finden wir das Wort "Gewissen" (syneidesis = Mitwisser) ca. 30x.

Apg 23,1 "Paulus aber sah den Hohen Rat an und sprach: Ihr Männer, liebe Brüder, ich habe mein Leben mit gutem Gewissen vor Gott geführt, bis auf diesen Tag."
Hebr 13,18 "Betet für uns. Unser Trost ist, daß wir ein gutes Gewissen haben, und wir wollen in allen Dingen ein ordentliches Leben führen."

Welche Wertmaßstäbe dem Menschen als Gottesebenbildlichkeit bei der Schöpfung mitgegeben wurden, können wir heute nur noch indirekt erschließen. Ausgangsbasis ist die durch das Heil in Christus wiederermöglichte Norm.

Eph 4,24 "und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit."

Der Mensch war vor dem Sündenfall nicht nur unschuldig (negativ), sondern heilig (positiv). Dabei war es nicht eine vollendete Heiligkeit, sondern eine heilige Veranlagung, die sich durch Versuchungen hätte bewähren müssen (vgl. Hebr 5,8). Wie wir noch sehen werden, ist dem Menschen durch den Sündenfall die Möglichkeit das Gute zu tun, genommen worden. Sein moralisches Wissen und Wollen sind ihm jedoch geblieben.

- Zwei Komponenten des Gewissens können unterschieden werden:

eine verstandesmäßige und

eine gefühlsmäßige Komponente.

Die erste hat unterscheidenden Charakter, d.h. sie beurteilt gewisse Handlungen, ob sie recht oder unrecht sind. Das Urteil wird dem Verstand mitgeteilt. Die gefühlsmäßige Komponente ist impulsiv, d.h. ohne verstandesmäßige Argumentation werden die Gefühle des Menschen plötzlich bejahend (positiv) oder verneinend (negativ) beurteilt.

 

- Urteile des Gewissens sind

Dabei ist das Gewissen keine in sich geschlossene Fähigkeit wie Denken, Fühlen oder Wollen, sondern es ist mehr die Art und Weise, in welcher diese Fähigkeiten handeln. Das Gewissen wirkt sich auf jede von ihnen aus.

Das Gewissen ist der moralische Richter der Seele:

Röm 2,15 "Sie beweisen damit, daß in ihr Herz geschrieben ist, was das Gesetz fordert, zumal ihr Gewissen es ihnen bezeugt, dazu auch die Gedanken, die einander anklagen oder auch entschuldigen"

Ein "gutes Gewissen" ist das Bewußtsein, daß unser Handeln der eingegebenen Norm entspricht. Ein "schlechtes Gewissen" haben wir, wenn ein Widerspruch zwischen dem moralischen Wissen und unserem Handeln besteht.

 

- Der Maßstab des Gewissens,

die Gesetze, nach denen es unser Handeln richtet, sind nicht angeboren! Es gibt kein angeborenes absolutes Gewissen. In verschiedenen Kulturen verbreitete Grundregeln, wie z.B. "Du sollst nicht töten", sind nicht angeboren. Das Gewissen wird durch die je nach Kultur, Religion, Weltanschauung u.ä. teilweise sehr unterschiedlichen Normen- und Werteordnungen in der Umgebung des einzelnen geprägt und programmiert. Gemäß diesem Programm wird es seine Funktion wahrnehmen.

So muß jeder, der sich auf sein Gewissen beruft, erklären, was für ein Gewissen er hat: ob ein christliches, islamisches, hinduistisches, konservatives, revolutionäres oder ein sonstiges Gewissen sein Handeln bestimmt. Auf diesem Hintergrund wird uns die Wichtigkeit einer biblischen Verkündigung, aber auch der an der Bibel orientierten Erziehung deutlich. Wo sie nicht stattfindet, füllt sich das Gewissen mit Prinzipien aus dem herrschenden Zeitgeist (Humanismus, Situationsethik, Emanzipation).

 

- Durch die Sünde ist das Gewissen verdunkelt. Der Maßstab (s.o.) ist nicht mehr richtig.

Jes 5,20 "Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen!"

 

- Das Gewissen des Gläubigen ist durch das Blut Christi gereinigt. Nun gewinnt es für den wiedergeborenen Menschen wieder eine große Bedeutung

Hebr 9,14 "um wieviel mehr wird dann das Blut Christi, der sich selbst als Opfer ohne Fehl durch den ewigen Geist Gott dargebracht hat, unser Gewissen reinigen von den toten Werken, zu dienen dem lebendigen Gott!"
Hebr 10,22 "so laßt uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in vollkommenem Glauben, besprengt in unsern Herzen und los von dem bösen Gewissen und gewaschen am Leib mit reinem Wasser."

 

- Der Heilige Geist weckt das Gewissen, und fordert es zur Mitarbeit auf:

Röm 9,1 "Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im heiligen Geist,"

Der Heilige Geist bedient sich dabei des Wortes Gottes. Unser Gewissen muß mit dem Wort Gottes neu programmiert werden:

Röm 12,2 "Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene."

Die Eingebungen des Gewissens dürfen nie das Wort Gottes und das Wirken des Heiligen Geistes ersetzen:

1.Kor 4,4 "Ich bin mir zwar nichts bewußt, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist's aber, der mich richtet."

 

- Ermessensfragen

Auf viele Ermessensfragen finden Christen unterschiedliche Antworten. Man spricht hier von den Mitteldingen (Adiaphora) des Glaubens (so in Röm 14; 1.Kor 8+10). Neben anderen Kriterien erwähnt Paulus auch die Rücksicht auf die Gewissen anderer. Gewissensentscheide sind individuell, d.h. Streit über unterschiedliche Auffassungen und Entscheidungen ist fehl am Platz.

 

- Das Gewissen appelliert direkt an unseren Willen.

Wenn sich nun der Wille der Gewissensentscheidung widersetzt, so wird es geschwächt. Erfolgt dies mehrmals, so kann das Gewissen die Fähigkeit, Befehle zu erteilen verlieren, - es stumpft ab. Zurück bleibt jedoch das leise Gefühl eines schlechten Gewissens. Da dies auf Dauer unerträglich ist, wird es betäubt (z.B. durch Rauschmittel aller Art, Arbeitswut oder sonstige Ablenkung, aber auch durch Selbstbetrug: Verstandesargumente sollen unsere Wünsche und Triebe rechtfertigen.)

 

- Das krankhaft zarte Gewissen meldet sich bei jeder noch so unbedeutenden Situation.

Das Leben eines solchen Menschen ist geprägt von Gewissensbissen, die sich auf die ganze Persönlichkeit auswirken können (Ängstlichkeit, Verunsicherung bis hin zu Depressionen und Todessehnsucht). Diesen Menschen kann geholfen werden, wenn wir ihnen den Maßstab Gottes klarmachen und aufzeigen, daß ihre Gewissensnot durch ihren eigenen oder von anderen aufgezwungenen Maßstab hervorgerufen wird.

 

- Das Gewissen ist nicht eine ursprüngliche Autorität;

es weist auf etwas Höheres, als es selbst ist, hin. Es ist das "Echo der Stimme Gottes". In seiner beständigen Aufforderung, das Rechte zu tun, liefert es dem Menschen einen inneren Beweis von der Existenz und Heiligkeit eines persönlichen Gottes.

 

b) Folgen

Gott schuf den Menschen zu Seinem Bilde. Welche Folgen hat diese Tatsache für den Menschen?

 

(1) ein geschütztes Leben

Tiere dürfen und sollen getötet werden,

1.Mose 9,3 "Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise; wie das grüne Kraut habe ich's euch alles gegeben."

aber nicht der Mensch, der nach dem Bilde Gottes geschaffen ist:

1.Mose 9,6 "Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll auch durch Menschen vergossen werden; denn Gott hat den Menschen zu seinem Bild gemacht."

Das Leben des Menschen ist unantastbar, sowohl von ihm selbst als auch von einem anderen.

 

ANREGUNG:

Hier liegen riesige, kontroverse Diskussionsthemen. Zum Beispiel:

 

(2) eine unzerstörbare Persönlichkeit

Auch der Tod kann die menschliche Persönlichkeit nicht vernichten, sie bleibt über den Tod hinaus bestehen. Zwar ist der Körper des Menschen dem Tode unterworfen, aber seine Persönlichkeit, sein Ichbewußtsein bleibt ewig. Sie lebt entweder zu Gottes Ehre oder zu ihrer eigenen Schande weiter. Gott achtet Sein Ebenbild sogar in dem sündigen und verlorenen Menschen, daher lebt auch er ewig! (vgl. zu diesem Abschnitt Lk 16,19-31.)

 

(3) ein Herrschaftsauftrag

Der "Herrscherberuf" des Menschen ist nicht etwa ein Teil der Gottesebenbildlichkeit, sondern eine Folge davon.

Ps 8,7 "Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan"
1.Mose 1,28b "... und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht."

 

(4) eine Anlage zur Gemeinschaft mit Gott und Menschen

Die Gottesebenbildlichkeit ist bestimmend für die Frage, mit wem wir Gemeinschaft haben (vgl. 3.Mose 18,23). Gemeinschaft setzt immer eine Gemeinsamkeit, eine Art Verwandtschaft voraus.

1.Mose 3,8a "Und sie hörten Gott den Herrn, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war."

So durfte und darf der Mensch mit Gott Gemeinschaft haben.

Aber auch Gemeinschaft unter den Menschen war Gottes Plan und Ziel.

1.Mose 2,18 "Und Gott der Herr sprach: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei."

Einerseits war Eva als Ebenbild Gottes geschaffen,

1.Mose 1,27 "Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib."

andererseits aber war sie "Abglanz des Mannes":

1.Kor 11,7 "Der Mann aber soll das Haupt nicht bedecken, denn er ist Gottes Bild und Abglanz; die Frau aber ist des Mannes Abglanz."

 

Zum Schluß dieses Abschnittes über die Gottesebenbildlichkeit des Menschen wollen wir uns in Erinnerung rufen, daß das Ziel unseres Heiligungslebens die Umgestaltung in das Bild unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus ist. Darum sind wir aufgefordert, dem Heiligen Geist Raum und Freiheit zu geben, uns umzugestalten.

2.Kor 3,18 "Nun aber schauen wir alle mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wie in einem Spiegel, und wir werden verklärt in sein Bild von einer Herrlichkeit zur andern von dem Herrn, der der Geist ist."

 

ILLUSTRATION:

Diamanten strahlen nur, wenn sie richtig beschliffen sind. Hierzu wird eine "Vorlage" benutzt. Der Preis des Brillianten hängt zu einem großen Teil von dessen Schliff ab. Gottes "Vorlage" für unsere Heiligung ist Jesus Christus.

1.Petr 1,15 "sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzem Wandel."
1.Joh 2,6 "Wer sagt, daß er in ihm bleibt, der soll auch leben, wie er gelebt hat."
Mt 5,48 "Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist."
Lk 6,36 "Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist."

In der Vollendung werden wir Ihm gleich sein:

1.Joh 3,2-3 "Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber; wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Und ein jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist."

 

2. Die immaterielle Natur des Menschen

 

a) Vorbemerkung

Wenn wir 1.Mose 2,7 genau lesen, stellt sich uns die Frage nach der Beziehung zwischen Geist und Seele. Entstand im Zusammentreffen von Geist und Leib ein Drittes - die Seele? Oder wird die Einheit von Geist und Leib als Seele bezeichnet (die 84er Luther Übersetzung sagt "Wesen")? Wir könnten es anders ausdrücken und fragen: besteht der Mensch aus zwei (Geist-Seele und Leib) oder aus drei (Geist und Seele und Leib) Teilen?

- Wenn wir sagen, der Mensch besteht nur aus zwei Teilen (Dichotomie = Zweiteilung), meinen wir, daß Geist und Seele nicht zwei getrennte Bestandteile des Menschen sind. Sie sind dann dasselbe Prinzip, von zwei verschiedenen Standpunkten aus gesehen. Geist und Seele sind dann zwei verschiedene Gesichtspunkte desselben Elements.

 

ILLUSTRATION:

Vergleichen wir den Menschen mit einem Gebäude, so würde im Rahmen der Dichotomie ein zweistöckiges Gebäude vor uns stehen. Das Erdgeschoß steht für den Leib. Das Obergeschoß heißt, wenn ich nach unten zum Leib hin blicke "Seele", wenn ich nach oben blicke "Geist". (Achtung: Wir wollen durch die bildliche Über- bzw. Unterordnung von menschlichen Bestandteilen keinerlei Wertung abgeben!)

 

Unterstützung findet diese Lehre scheinbar durch die Tatsache, daß "Geist" und "Seele" oftmals austauschbar gebraucht werden, so z.B. in

Hebr 12,23 "und Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel aufgeschrieben sind, und zu Gott dem Richter über alle, und zu den Geistern der vollendeten Gerechten."
Offb 6,9 "Und als es das fünfte Siegel auftat, sah ich unten am Altar die Seelen derer, die umgebracht worden waren um des Wortes Gottes und um ihres Zeugnisses willen."

An anderen Stellen werden der Seele geistliche Fähigkeiten zugeschrieben:

Mk 12,30 "und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften."

Schließlich hat Gott selbst eine Seele.

Jes 42,1a "Siehe, das ist mein Knecht - ich halte ihn - und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat."
Hebr 10,38 "Mein Gerechter wird aus Glauben leben. Wenn er aber zurückweicht, hat meine Seele kein Gefallen an ihm."

 

- Wenn wir sagen, daß der Mensch aus drei Teilen besteht (Trichotomie = Dreiteilung), dann meinen wir, daß Geist, Seele und Leib drei verschiedene Bestandteile der menschlichen Natur sind.

 

ILLUSTRATION:

Das Gebäude, mit dem wir den Menschen oben verglichen haben, wäre im Rahmen der Trichotomie also dreistöckig: je ein Stockwerk für Geist, Seele und Leib!

 

Unterstützt wird die Trichotomie des Menschen scheinbar von Stellen, die Geist und Seele voneinander unterscheiden, wie z.B.:

1.Thess 5,23 "Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus."
Hebr 4,12 "Und das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens."

Außer in den oben zitierten Stellen wird im NT "seelisch" 6x im niedrigeren Gegensatz zu "geistlich" gebraucht. So z.B. in 1.Kor 2,14, wo es wörtlich heißt: "Der seelische Mensch vernimmt nichts...". (vgl. auch 1.Kor 15,44+46; Jud 19; Jak 3,15 Luther '84 übersetzt jeweils mit "natürlich" oder "niedrig".)

 

ANREGUNGEN:

Hebr 4,12 "... dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist,..."

 

Wir erfassen die biblische Offenbarung über die Natur des Menschen wohl am besten, wenn wir weder an der Dichotomie noch an der Trichotomie des Menschen dogmatisch festhalten. Wir geben (nach 1.Mose 2,7) zu, daß der Mensch aus zwei Bestandteilen erschaffen wurde (Dichotomie der Substanz), halten aber gleichzeitig an einem Unterschied der drei Funktionen von Geist - Seele - Leib fest (Trichotomie der Funktion).

 

b) Ursprung

Bevor wir die einzelnen Begriffe der immateriellen Natur des Menschen untersuchen, wollen wir kurz nach ihrem Ursprung fragen. Woher hat der heutige Mensch seine immaterielle Natur, die wir in diesem Abschnitt der Einfachheit halber mit "Seele" bezeichnen (wir passen uns somit der allgemein gebräuchlichen Wortwahl an)?

 

(1) biblischer Traduzianismus

Die Bibel lehrt, daß die menschliche Rasse in Adam geschaffen ist und sich, was Leib und Seele betrifft, durch natürliche Fortpflanzung vermehrt.

Das bedeutet, daß die Seelen seit Adam nur mittelbar von Gott geschaffen wurden. In 1.Mose 1+2 stellen wir fest, daß die Schöpfung abgeschlossen ist. Gott ist heute der Erhalter - auch der Fortpflanzung.

Kol 1,17 "Und er ist vor allem, und es besteht alles in ihm."
Hebr 1,3a "Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens und trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort ..."

Eine Reihe von Argumenten unterstützt diese Aussage:

- Die Schrift spricht von Nachkommen, die noch in den Lenden sind:

Hebr 7,9-10 "und sozusagen ist durch Abraham auch von Levi, der die Zehnten empfängt, der Zehnte erhoben worden, denn er war noch in der Lende des Vaters, als Melchisedek ihm entgegen ging." (rev. Elberfeld)

- Die Frage nach der sündigen Natur eines Neugeborenen ist somit geklärt.

Röm 5,12 "Deshalb, wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und der Tod durch die Sünde, so ist der Tod zu allen Menschen hindurchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben."
Ps 51,7 "Siehe, ich bin als Sünder geboren, und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen."

- Wir lesen nur von einem einmaligen Einblasen des Odems Gottes in den Leib des Menschen.

- Die Analogie mit Pflanzen und Tieren zeigt nicht Neuschöpfung, sondern Abstammung.

- Die Vererbung auch geistig - seelischer Merkmale innerhalb von Familien oder Rassen ist somit geklärt.

An dieser Stelle wollen wir auf das Wunder der Menschwerdung Christi hinweisen:

Lk 1,35 "Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden."

 

ANREGUNG:

Ps 139,.13-16 "Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe. Ich danke dir dafür, daß ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele. Es war dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, als ich gebildet wurde unten in der Erde. Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war."

 

 

(2) Irrlehren

Über den Ursprung der menschlichen Seele entstanden im Laufe der Geschichte falsche Theorien. Ihnen gemeinsam ist, daß sie Gottes Offenbarung in Seinem Wort nicht beachten. Wir wollen zwei kurz ansprechen, die uns in der einen oder anderen Form heute häufig begegnen.

- Die Schöpfungstheorie sagt aus, daß jede Menschenseele direkt von Gott geschaffen wird. Diese tritt dann bei der Zeugung oder bei der Geburt oder irgendwann zwischenzeitlich in den menschlichen Körper.

Wir halten dagegen:

Die Schöpfungstheorie stellt den Menschen in bezug auf die Fortpflanzung auf eine niedrigere Stufe als das Tier; denn dieses zeugt Wesen seiner Art!

 

- Die Reinkarnationstheorie geht von der Prä-Existenz der Seele aus. Die Seele existiert schon vor der Zeugung eines Menschen und tritt dem Körper lediglich bei. Stirbt ein Mensch, so wird dessen Seele in einem neuen Körper, in einem neuen Leben wiedergeboren. Im Zeitalter von New Age findet diese aus den fernöstlichen Religionen stammende Vorstellung vermehrt Anhänger. Durch bekannte Persönlichkeiten und deren Bücher neugierig geworden, macht sich mancher auf die (okkulte) Entdeckungsreise in seine vermeintliche Vergangenheit.

Wir halten dagegen:

Hebr 9,27 "Und wie dem Menschen bestimmt ist einmal zu sterben, danach aber das Gericht"

 

ANREGUNG:

 

c) Geist

Sowohl der griechische Begriff "pneuma" als auch das hebräische Wort "ruach" werden mit "Hauch, Windhauch, Wind" oder im übertragenen Sinne mit "Geist" übersetzt.

Der Begriff "Geist" kommt in verschiedenen Bedeutungen vor:

 

(1) der Heilige Geist

Wohl am häufigsten begegnen wir dem Begriff in bezug auf die dritte Person der göttlichen Dreieinigkeit - der Heilige Geist.

Apg 2,4 "und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in anderen Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen."

 

(2) die Geistwesen

Geistwesen (Engel, Dämonen und Verstorbene) werden mit dem Plural ("Geister") bezeichnet. Sie sind ohne materielle Natur, also mit unseren Sinnen nicht wahrnehmbar.

Hebr 1,14 "Sind sie nicht allesamt dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die das Heil ererben sollen?"
Mt 8,16 "Am Abend aber brachten sie viele Besessene zu ihm; und er trieb die Geister aus durch sein Wort und machte alle Kranken gesund,"
Hebr 12,23 "und Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel aufgeschrieben sind, und zu Gott, dem Richter über alle, und zu den Geistern der vollendeten Gerechten"

Ebenfalls nicht an einen Körper gebunden ist Gott. Von Ihm wird gesagt:

Joh 4,24a "Gott ist Geist, ..."

 

(3) der Geist des Menschen

Der Geist des Menschen ist ein Wesensbestandteil der menschlichen Natur. Der Mensch ist nicht Geist - er hat Geist!

Lk 23,46 "Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er."
Apg 7,59 "und sie steinigten Stephanus; der rief den Herrn an und sprach: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf!"

Der Geist steuert das Verhalten des Menschen. Er ist die innerste Instanz der menschlichen Persönlichkeit. Hier finden wir die Motivation des Menschen - seine Beweggründe.

Ps 51,14 "Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe, und mit einem willigen Geist rüste mich aus."
Jes 29,24 "Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, ..."
Ps 77,7 "Ich denke und sinne des Nachts und rede mit meinem Herzen, mein Geist muß forschen."

Zudem ist unser Geist Sitz der Gemeinschaft mit Gott:

Röm 1,9 "Denn Gott ist mein Zeuge, dem ich in meinem Geist diene am Evangelium von seinem Sohn, daß ich ohne Unterlaß euer gedenke"
Röm 8,15-16 "Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, daß ihr euch abermals fürchten müßtet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, daß wir Gottes Kinder sind."

 

ZUSAMMENFASSUNG:

Der Geist ist die Quelle und der Sitz des menschlichen "Innenlebens". Er ist das belebende und bewegende Prinzip der menschlichen Persönlichkeit.

 

ANREGUNGEN:

- Sitz des Gewissens (Ps 51,12; Röm 8,16)

- Sitz der Intuition (Röm 1,19-21)

- Sitz der Gemeinschaft mit Gott (Röm 1,9; Röm 8,15)

 

d) Seele

Das Studium des Begriffes "Seele" wird dadurch erschwert, daß in der Luther-Übersetzung die hebräischen und griechischen Wörter für Seele (nephesch, psyche) auch ihrem jeweiligen Verständnis nach mit "Herz" oder "Leben" übersetzt wurden.

Durch das Einblasen des Odems Gottes in den Leib des ersten Menschen wurde ein lebendiges Wesen (wörtlich: "Seele") geschaffen (1.Mose 2,7). Der Begriff "Seele" wird in der Heiligen Schrift unterschiedlich gebraucht (s.u.). Im Blick auf die immaterielle Natur des Menschen ist sie die Vermittlerin, die Verbindung zwischen Geist und Leib. Was der Geist anregt, übermittelt sie dem Leib zur Ausführung. Andererseits gibt sie Eindrücke, die der Leib aufnimmt, an den Geist weiter.

Als Verbindung von Geist und Leib besitzt die Seele eine zweifache Lebenssphäre. Einmal kann sie auf das irdische Leben ("Leben im Fleisch") ausgerichtet sein, zum andern aber auch auf Gott hin ("Leben im Geist").

5.Mose 6,5 "Und du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller Kraft."

 

(1) allgemein: das Leben

Seele wird vielfach mit "Leben" wiedergegeben.

3.Mose 17,11 "Denn des Leibes Leben ist im Blut, und ich habe es euch für den Altar gegeben, daß ihr damit entsühnt werdet. Denn das Blut ist die Entsühnung, weil das Leben in ihm ist."
Mk 10,45 "Denn auch des Menschensohn ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele."

 

(2) der ganze Mensch

Mit "Seele" wird der ganze lebendige Mensch (als Einheit von Geist und Leib) bezeichnet (im folgenden werden die deutschen Begriffe, die das jeweilige Wort für "Seele" wiedergeben hervorgehoben):

1.Mose 2,7 "Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen."
2.Mose 1,5 "Und alle leiblichen Nachkommen Jakobs zusammen waren siebzig an Zahl. Josef aber war schon vorher in Ägypten."
Apg 2,41 "Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen; und an diesem Tage wurden hinzugefügt etwa dreitausend Menschen."

Seele kann aber auch einen Toten bezeichnen, so den Leichnam oder die immaterielle Natur des Verstorbenen.

4.Mose 6,6 "Während der ganzen Zeit, für die er sich dem Herrn geweiht hat, soll er zu keinem Toten gehen."
Offb 6,9 "Und als es das fünfte Siegel auftat, sah ich unten am Altar die Seelen derer, die umgebracht worden waren um des Wortes Gottes und um ihres Zeugnisses willen."

 

(3) der Sitz menschlicher Persönlichkeit

In der Seele ist das Zentrum aller "geistigen" Aktivitäten. Sie kann denken, fühlen und wollen.

Ps 103,2 "Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat."
Mt 26,38 "Da sprach Jesus zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wacht mit mir!"
5.Mose 14,26a "und gib das Geld für alles, woran dein Herz Lust hat, es sei für Rinder, Schafe, Wein, starkes Getränk oder für alles, was dein Herz wünscht, ..."

Deshalb ist die Seele mein "ICH". Sie ist damit Subjekt des Sündigens ("ich sündige") und Objekt der Erlösung ("Christus erlöste mich").

Hes 18,4 "Siehe, alle Seelen gehören mir; wie die Seele des Vaters, so auch die Seele des Sohnes. Sie gehören mir. Die Seele, die sündigt, sie allein soll sterben." (rev. Elberfelder)
Mt 16,26 "Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Oder was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse?"

 

ZUSAMMENFASSUNG:

Seele meint ganz allgemein das einzelne Leben. Sie ist daher die Bezeichnung für die individuelle Persönlichkeit des Menschen. Ihre Funktion als Verbindung zwischen Geist und Leib erfüllt sie als Sitz des "Ichbewußtseins" mit den Fähigkeiten zu denken, zu fühlen und zu wollen.

 

e) Herz

Nicht nur in der Arbeit mit Kindern, sondern auch in unserer Verkündigung oder persönlichen Evangelisation gebrauchen wir selten die Begriffe "Geist" und "Seele". An ihrer Stelle reden wir häufig von dem "Herz" des Menschen. Es ist darum erforderlich, diesen Begriff biblisch zu definieren.

 

(1) das Organ

Nur in einigen Stellen meint der Begriff "Herz" das Organ.

2.Sam 18,14 "Joab sprach: Ich kann nicht so lange bei dir verweilen. Da nahm Joab drei Stäbe in seine Hand und stieß sie Absalom ins Herz, als er noch lebend an der Eiche hing."

 

(2) die Mitte

Oft wird "Herz" im übertragenen Sinne gebraucht. So auch um die Mitte, den Mittelpunkt, das Innerste einer Sache zu beschreiben. Folgende Verse zitieren wir aus der revidierten Elberfelder Übersetzung:

5.Mose 4,11 "da tratet ihr hinzu und standet unten am Berg. Der Berg aber brannte im Feuer bis ins Herz des Himmels, und da war Finsternis, Gewölk und Dunkel."
Mt 12,40 "Denn gleichwie Jona drei Tage und drei Nächte in dem Bauch des großen Fisches war, so wird der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein."
2.Mose 15,8 "Beim Schnauben deiner Nase türmten sich die Wasser, die Strömungen standen wie ein Damm, die Fluten gerannen im Herzen des Meeres."

 

(3) die immaterielle Natur des Menschen

"Herz" kann das ganze Innere des Menschen, seine immaterielle Natur bezeichnen.

1.Petr 3,4 "sondern der verborgene Mensch des Herzens im unvergänglichen Schmuck des sanften und stillen Geistes; das ist köstlich vor Gott."
1.Sam 16,7 "Aber der Herr sprach zu Samuel: Sieh nicht an sein Aussehen und seinen hohen Wuchs; ich habe ihn verworfen. Denn nicht sieht der Herr auf das, worauf ein Mensch sieht. Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an."

 

- An einigen Stellen wird "Herz" als Synonym für "Geist" gebraucht. Das ist z.B. der Fall, wenn "Herz" und "Seele" klar voneinander unterschieden werden. Wir stellen fest, daß "Herz" (=Geist) immer zuerst genannt wird, weil es dann die Quelle, den Ursprung für die Seele meint.

5.Mose 6,5 "Und du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft."
Spr 2,10 "Denn Weisheit wird in dein Herz eingehen, und Erkenntnis wird deiner Seele lieblich sein."
Mt 15,18-19 "Was aber aus dem Munde herauskommt, das kommt aus dem Herzen, und das macht den Menschen unrein. Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung."
Spr 4,23 "Behüte dein Herz mit allem Fleiß, denn daraus quillt das Leben."

"Herz" kann deshalb auch Sitz des religiösen Lebens sein.

Hebr 3,12 "Seht zu, liebe Brüder, daß keiner unter euch ein böses, ungläubiges Herz habe, das abfällt von dem lebendigen Gott."
2.Mose 7,13 "Aber das Herz des Pharao wurde verstockt, und er hörte nicht auf sie, wie der Herr gesagt hatte."
Apg 16,14 "Und eine gottesfürchtige Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, so daß sie darauf achtete, was von Paulus geredet wurde."
Röm 10,9 "Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet."

Im AT gibt es, wie wir bereits gesehen haben, kein eigenes Wort für "Gewissen" - die Gewissensfunktion wird dem Herzen zugeschrieben.

1.Sam 24,6 "Aber danach schlug ihm sein Herz, daß er den Zipfel vom Rock Sauls abgeschnitten hatte,"

Sogar im NT findet sich diese Bedeutung.

1.Joh 3,19-20 "Daran erkennen wir, daß wir aus der Wahrheit sind, und können unser Herz vor ihm damit zum Schweigen bringen, daß wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz und erkennt alle Dinge."

 

- "Herz" kann auch als Synonym für "Seele" gebraucht werden. So gebraucht, sehen wir das Herz tätig, handelnd. Wir entdecken die seelischen Funktionen Denken, Fühlen und Wollen.

Spr 16,9 "Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der Herr allein lenkt seinen Schritt."
Lk 2,19 "Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen."
Joh 14,1 "Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!"
Eph 6,22 "den ich eben dazu gesandt habe zu euch, daß ihr erfahrt, wie es um uns steht, und daß er eure Herzen tröste."
Ps 20,5 "Er gebe dir alles, was dein Herz begehrt, und erfülle alles, was du vorhast!"
Ps 21,3 "Du erfüllst ihm seines Herzens Wunsch und verweigerst nicht, was sein Mund bittet."

 

ZUSAMMENFASSUNG:

"Herz" bedeutet den Kern einer Sache, den Mittelpunkt, das Wesentliche. Im Blick auf die Natur des Menschen kann "Herz" den Geist, die Seele, oder beides zusammen (die gesamte immaterielle Natur des Menschen) bezeichnen.